Beate Hansen Reflektionen 1994 - 1996

Texte

Gedanken zu meiner Arbeit

Meine künstlerische Arbeit entspricht einer bestimmten Art von Lebensverarbeitung, ruhig, mit einem langsamen Tempo, einer relativ konstanten Konzentration, eher passiv als aktiv, relativ leicht. Sie ist dem Vorgang des Arbeitens untergeordnet, dem Materialgefühl, dem Bilden von Körperhaftigkeit und Plastizität, der Präzision, den künstlerischen Entscheidungen, dem Schauen. Wichtig ist mir die Wachheit für mich selbst und für die entstehende Arbeit. Stimmungen bedürfen der vorsichtigen Untersuchung. Viele meiner Arbeiten beinhalten ein Volumen, Körper mit klaren Umrissen, deren Inneres über das Gefühl erfahrbar ist. Meine neueren Arbeiten thematisieren dieses Innere, mir liegt daran, diffuse Gefühle zu erforschen und zu bündeln, formale Lösungen ermöglichen diesen Prozess. Papier und Gips sind die Materialien, aus denen meine Plastiken, Scherenschnitte und Zeichnungen entstehen. Es sind ruhige Materialien, ohne eigenwillige Struktur und ohne erfahrbare Geschichte. Das ermöglicht, wenig zu erzählen und, auch kleinen, Nuancen Raum zu geben, sie sind offenporig und diffusionsfähig. Ich bewege mich oft zwischen Polen. Distanz durch geometrische Klarheit, Nähe durch Strukturen, die von Hand aufgetragen, in mir eine Verbindung zu organischen, geologischen und den Körper betreffenden Erlebnissen hervorrufen. Die bewegte Fläche der Plastiken weist in den Raum. Grenzenlosigkeit und Zeitlosigkeit der sinnlichen Erfahrung, Umreißen und Begrenzen durch abgesicherte ordnende Gedankenstrukturen. Beides zusammen ergibt eine Spannweite zwischen Elementen und - an den Schnittpunkten - eine Linie. Im Raum finden sich oft Bezugspunkte zu architektonischen Gegebenheiten durch die rechtwinkligen Formen, Einschnitte in den Arbeiten, Vorsprünge etc. in den Räumen. Die Arbeiten stehen und hängen parallel zu den Raumlinien. Die Plastiken sind einfache eigenständige Organismen.

Krefeld, Juni 1994 - Beate Hansen

Gedanken zu dem Aspekt Landschaft in meiner Arbeit

Bei der Verarbeitung persönlicher Lebenssituationen bedeuten mir meine erinnerten Erfahrungen in der Natur und meine Erwartung an ihre Wirkung auf mich sehr viel. Die Natur überdauert die einzelne menschliche Empfindung, doch findet die Empfindung ihren Platz im Erleben von Körper, Verbundenheit mit Pflanzen- und Tierwelt, Umgebensein von Landschaft, Ausgesetztsein von Jahreswechsel und Witterung. Dies erscheinen mir Orientierungspunkte zu sein, in ständiger Prä-senz. Neben einzelnen Erinnerungen bleibt eine Substanz, eine Zusammenfassung erlebter Situationen, eine Speicherung.

Die Gefühlswelt hat eine Nähe zur Wirkung des Naturerlebnisses. Es gibt eine Verwandtschaft zwischen sinnlichem Erleben und auch geistiger Haltung zur ständigen Präsenz der Natur - als reale Umgebung und als Speicherung. Ich erlebe dies besonders stark bei Eindrücken durch Landschaft. Es finden Spiegelungen aktueller Gefühle statt.

Krefeld, August 1994 - Beate Hansen

Gedanken zum Wesen von Natur- und Landschaftserleben

Unseren Körper erleben wir aus uns selbst. Das Wesen von Pflanzen- und Tierwelt ist nicht mehr unser eigenes. Es gibt noch das Mitgefühl. Landschaft ist eindeutig außen. Sie umgibt uns. Wir setzen uns ihr aus und schauen sie an. Landschaft ist ein sehr komplexes Außen: ein Ergebnis geologischer Gegebenheiten und Veränderungen. Pflanzen bestimmen ihr Gesicht, sie ist von Tieren und Menschen bewohnt, bebaut und kultiviert. Sonne und Dunkelheit geben ihr ständig wechselndes Licht. Jahreszeiten verändern sie, bewirken einen Kreislauf. Himmel und Wolken über ihr. Die Evolution hat ihre Formsprache hervorgebracht. Sie fasziniert in ihrer Schönheit, auch in der geformten, ebenso in der gebrochenen. Wir nehmen Landschaft immer nur ausschnittweise wahr.

Empfindungen und Stimmungen suchen Ausdruck. Sie koppeln sich an Materialien, an verinnerlichte Formsprache, an Ideen, an Raum. Künstlerische Arbeiten sind auch ein Außen. Sie nehmen Kontakt zu unseren Gefühlen auf.

Krefeld, Oktober 1994 - Beate Hansen

Besetzen

Es ist mir ein wichtiges Anliegen, eine Verbindung zu finden zwischen der persönlichen Aussage einer Plastik oder Zeichnung und der Sensibilisierung und möglicherweise auch Öffnung des Raumes, den sie „besetzt“. Die Reduzierung der Aussage und auch der künstlerischen Mittel auf das, was mir wesentlich erscheint, ist mir wichtig und ich versuche, in Material- und Formsprache so konkret wie möglich zu werden.

Die künstlerischen Arbeiten tragen Züge meines Gefühlslebens, aber durch die kontinuierliche Entwicklung der bildnerischen Sprache entsteht auch eine Distanz zum Persönlichen.

Als eigenständige Elemente im Raum schaffen die Arbeiten eine Atmosphäre, es entstehen Verbindungen mit dem konkreten Umraum durch die reduzierten Formen und durch Bezugspunkte zu den architektonischen Gegebenheiten wie recht-winklige Grundformen, Einschnitte, Materialverwandtschaft. Die Eigenheiten des Raumes zeichnen sich ab.

Die künstlerische Arbeit ist ein Umsetzungsprozess. Entscheidungen in der plastischen Umsetzung, Materialumgang, Farbe, Größe, haben ihre Basis in persönlichen Koordinaten und finden in der Ausformulierung der bildnerischen Sprache eine Entsprechung.

Mich interessiert das Verhältnis zwischen dem „Besetzen“ eines Raumes, mit einer Handschrift, die meine Gegenwart spiegelt und dem „Offenlassen“ für Zwischenräume. Wenn Begriffe in der Schwebe bleiben.

Krefeld, Juli 1996 - Beate Hansen